Hallo, mein Name ist Amelie und ich möchte etwas erzählen.

Irgendwann findet...

...jede Geschichte mal ein Ende und diese hier steht nun kurz davor. Für mich war dieses Blog eine Art Befreiung. Hier konnte ich all das raus lassen was schon ewig in meinem Kopf schlummerte. Jetzt, fast zwei Jahre nach seinem Tod kann ich begreifen. Mir geht es nun besser und vielleicht konnte ich dem Einen oder Anderen sogar helfen zu erkennen dass man ganz leicht in eine emotionale Abhängigkeit fallen kann ohne es gleich zu merken und es zu wollen. Der eigene Stolz bleibt auf der Strecke und ist nur schwer wiederzufinden. Ich bin dankbar dass ich ihn wieder gefunden habe und werde ihn in Zukunft ganz fest an mich halten um ihn nie wieder zu verlieren.

Die aufmerksamen Leser unter Euch werden vielleicht gemerkt haben dass ich gar nicht so fremd bin. Vielleicht wissen auch schon einige wer ich eigentlich bin. Eine Bloggerin die schon Jahre unter Euch ist und ihre Geschichte unter einem anderen Namen erzählte um freier schreiben zu können. Ich danke allen Kommentatoren und stillen Lesern die mich hier begleitet und mitgefühlt haben. Ihr wart mir eine grosse Hilfe und habt mir gezeigt dass ich damit nicht alleine bin. Vor allem aber danke ich Gregor der immer für mich da war und mir zugehört hat, was auch immer passierte. Amelie hat mir viel gegeben und deswegen wird es jetzt an der Zeit sich von ihr zu verabschieden.

Hallo, mein Name ist Merle, ich habe Euch etwas erzählt!

Die ersten Wochen...

...nach seinem Tod stellte ich mir immer und immer wieder die selbe Frage. Wie ist er gestorben? War er alleine in diesem Moment oder war jemand bei ihm? Ist er im Schlaf gestorben oder war er wach? Hat sein Herz einfach aufgehört zu schlagen oder ist er jämmerlich erstickt? Diese Fragen beschäftigen mich heute noch immer und lassen mich einfach nicht los. Ich hätte Dunja damals fragen sollen wie es passiert ist, aber in dem Moment als ich sie am Hörer hatte, dachte ich nicht über sowas nach. Diese Frau ein weiteres mal anzurufen um ihr diese Fragen zu stellen, hätte ich niemals gewagt. Noch heute denke ich manchmal darüber nach und weiss dass meine Fragen für immer unbeantwortet bleiben.

Es war in der ersten Zeit sehr schwer für mich zu hause. Niemand durfte etwas merken. Ich habe meine Trauer so gut es ging unterdrückt und weinte in Minuten in denen ich alleine war. Ich musste mich immer zusammen reissen und es fiel mir so unendlich schwer. Ich hatte Abende an denen ich froh war wenn mein Mann vor mir ins Bett ging. Meistens sass ich neben ihm mit einem dicken Kloss im Hals und versuchte nicht in Tränen auszubrechen. Wenn er dann weg war konnte ich nicht mehr an mich halten und fing ganz schrecklich an zu weinen. Das fühlt sich so entgültig an und oft macht es mich immer noch traurig. Ich fühle mich von Rainer allein gelassen. Hab ich überhaupt das Recht sowas zu schreiben?

Ich überlege oft was für einen Sinn sein Tod hatte?! Gibt es überhaupt einen Sinn? Warum wurde diese Freundschaft unterbrochen? Eine Freundschaft die Jahre brauchte um dorthin zu gelangen wo sie schliesslich endete. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden dass er nicht mehr da ist, mir bleibt ja nichts anderes übrig. Und oft frage ich mich, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er nicht erkrankt wäre?! Ich hatte mein Leben wieder in den Griff bekommen, mir war klar geworden dass mir meine Familie wichtiger war als Rainer. Aber was wäre mit ihm gewesen? Hätte er womöglich jemanden gefunden? Ich bezweifle das und denke dass er sein Leben fortgeführt hätte ohne Veränderungen.

Mit der Zeit habe ich gelernt darüber zu lächeln. Ich bin nicht mehr so oft traurig. Ich vermisse ihn zwar, aber es ist in Ordnung so wie es ist. Ich weiss nicht ob ich mir das nur einrede, aber ändern kann ich an der Situation auch nichts. Ich behalte ihn in meinen Erinnerungen und bin dankbar dass ich aus dieser Geschichte unendlich viel gelernt habe. Ich weiss nun was wichtig ist, was ich möchte, was ich für die Zukunft will. Ich weiss auch dass mir so etwas in dieser Art und Weise niemals wieder passieren wird. Denn ich bin glücklich mit dem was ich habe. Mir musste nur gezeigt werden wie ich das erkennen kann.

Niemand hätte...

...damit gerechnet dass er seinen 50. Geburtstag nicht mehr erleben würde. Er wohl am aller wenigsten. Im Grunde war sein Leben ein Chaos. Er sagte ja selbst das dass Alles zusammen passen würde. Die Frauen mit denen er zusammen war, spielten auch nur Spielchen. Vielleicht war er auch gar nicht wirklich beziehungsfähig?! Denn immer wenn er davon erzählte, waren die Frauen an allem Schuld und dabei weiss ich dass er kein Unschuldslamm war. Trotzdem hatte er auch gute Seiten. Seiten die sonst kein anderer Mensch hatte. Wir kannten uns gegenseitig ganz genau, von Anfang an. Und auf einen Schlag war alles vorbei. Ich kann heute noch immer nicht begreifen dass er nicht mehr da ist und ich mach mir grosse Vorwürfe dass ich ihm so viele Dinge nicht mehr hab sagen können. Ich hätte ihn besuchen sollen.

Ich sehe ihn ganz genau vor mir, seine Blicke und alles was ihn ausmachte. Ich fühle mich manchmal so leer und ich kann nicht verstehen. Immerzu muss ich an unser letztes Telefongespräch denken. Es war eine Katastrophe, ein einziger Hustenanfall, ein Röcheln, ein angestrengtes Zuhören meinerseits, ein Pflichtgespräch. Hätte ich an diesem Tag gewusst dass es das letzte mal ist das ich mit ihm spreche, hätte ich ihm ganz sicher noch ein paar sehr wichtige Dinge gesagt. Da gibt es so vieles was ich ihm noch hätte sagen wollen. Aber ich denke er wusste dass er mir nicht egal war. Ich habe ihn auf eine ganz bestimmte Art und Weise geliebt, das weiss ich jetzt. Es wird mir nun immer klarer und ich würde am liebsten jedes schlechte Wort, das ich über ihn schrieb und sagte rückgängig machen.

Seit Monaten weiss ich, dass ich seine Handynummer vergessen kann, da ich sie nicht mehr brauche, aber es klappt nicht. Wochen nach seinem Tod rief ich immer wieder seine Nummer an und lauschte dem Klang seiner Stimme auf seiner Mailbox. Seine Nummer existiert noch immer und ab und zu erwische ich mich dabei wie ich sie eintippe um noch einmal seine Stimme auf dieser Mailbox zu hören. Ich bereue zu tiefst dass ich damals all seine Sachen zurück geschickt und weg geschmissen habe. Ich habe nichts mehr von ihm und das tut mir verdammt weh. Zu dem Zeitpunkt konnte ich unmöglich wissen, welchen unschätzbaren Wert diese Dinge in Zukunft mal für mich haben werden. Nun sind sie weg, für immer vernichtet. Dinge, die ich liebte.

Rainer's Tod...

...riss mir den Boden unter den Füssen weg. Zuerst konnte ich gar nichts fühlen und dann überkam mich unendlicher Schmerz. Ich hätte niemals gedacht dass mir sein Tod so nahe gehen würde. Wir hatten uns mehr als zwei Jahre nicht mehr gesehen, immer nur telefoniert, und trotzdem wurde mir etwas genommen das niemand ersetzen kann. Wochen nach seinem Tod begriff ich noch immer nicht. Ständig hatte ich das Gefühl er wäre noch irgendwo da draussen. Ich fühlte mich beobachtet, ich glaubte wirklich zu spüren dass er ganz in meiner Nähe war und genau sehen konnte was ich tat. Vielleicht war das die Art und Weise mit seinem Tod umzugehen?! Ich wollte es einfach nicht wahr haben dass er von nun an nicht mehr da war und mich mit all den Erinnerungen allein gelassen hatte. Ich hatte Tage an denen ich unendlich wütend auf ihn war. Ich war wütend weil er sich einfach so aus dem Staub machte und starb.

Eine schlechte Geschichte nahm ein schlechtes Ende. Aber war sie wirklich so schlecht? Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt wo ich sagen kann dass ich das Alles, die ganzen Erinnerungen, alles Erlebte nicht missen möchte. Diese Erfahrung hat mich um einiges reicher gemacht und mich als Mensch verändert. Mir ist klar dass sie mich auch hätte arm machen können, aber das konnte ich verhindern im letzten Moment. Ihn hat das Alles arm gemacht, sei es auch nur um Gefühle, nicht mehr in der Lage zu sein jemanden zu lieben. Ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht. Eigentlich wollte ich gar kein Ende, sondern ich wünschte mir dass er glücklich wird. Ich wünschte ihm so oft dass er jemanden findet um endlich glücklich zu sein. Wie oft sagte ich ihm dass er nicht für immer allein bleiben kann. Es brach mir das Herz, denn das hatte auch er nicht verdient. Er war schon so lange alleine und sehnte sich nach Nähe, nach einem Menschen der für ihn da ist. Er starb ohne Frau, ohne Kinder, als Junggeselle, in einer Klinik mit 48 Jahren, allein.

Als ich...

...diese Stimme hörte zuckte ich am ganzen Körper zusammen und bekam zuerst keinen Ton raus. Ich stotterte die ersten fünf Worte in den Hörer. Dunja? Die Dunja? Rainer's Freundin? Fragte ich. Ja, ja die bin ich. Antwortete sie vorsichtig. Ich versuchte ihr dann so gut es ging kurz und knapp zu erklären wer ich bin und fragte, ob sie sich an mich erinnern könnte. Sie fragte ob ich die mit den zwei Kindern wäre. Da war mir klar, dass sie genau wusste wer ich bin. Ich sagte ihr dass ich seit ungefähr vier Wochen versuchte Rainer zu erreichen und dass wir immer noch telefonischen Kontakt hatten und ich deshalb auch genau wüsste was mit ihm los ist.

Rainer ist tot, verstorben vor ein paar Wochen. Sagte sie auf einmal zu mir, obwohl ich nicht weiter nachgefragt hatte. Ich dachte in diesem Moment ich müsste mich übergeben, konnte erst nichts sagen und zitterte am ganzen Körper. Dieser Satz fühlte sich an als wenn mir jemand mit voller Wucht in den Bauch geschlagen hätte. Tot. Ich musste ständig an das Wort tot denken. Sie sagte mir dass sie zu dem Zeitpunkt als er gestorben sei im Urlaub war und leider nicht bei ihm sein konnte. Sie habe ihn kurz vor ihrer Abreise noch besucht und es ging ihm sehr schlecht. Sie rechnete aber nicht damit dass es dann so schnell gehen würde.

In all den Wochen hatte ich nichts davon gewusst, habe immer wieder versucht ihn zu erreichen und er war schon längst tot. Die ganzen Wochen dachte ich wirklich dass er da noch irgendwo wäre. Meine beiden Sms die ich ihn Wochen zuvor geschickt hatte, erreichten ihn gar nicht mehr. Mir war schlecht, richtig übel. Diese Nachricht traf mich wie ein Schlag. Ich wusste gar nicht was ich in diesem Moment tun sollte. Ich sass einfach nur da auf meinem Bett, schaute auf den Fussboden und konnte nicht glauben was sie mir da sagte. Sie erzählte mir dass er verbrannt wurde. Seine Schwester hat ihn mit in ihre Heimatstadt genommen, wo er beigesetzt wurde. Ich konnte nicht begreifen. Er war immer da, irgendwo und plötzlich war er es nicht mehr. Das war zu viel für mich. Ich konnte nicht weinen, der Schock sass zu tief. Ich bedankte mich bei Dunja, sie wünschte mir alles Gute und dann beendeten wir das Gespräch.

Einen kleinen...

...Lichtblick hatte ich noch. Rainer hatte eine langjährige Freundin, für die er regelmässig arbeitete. Eine Künstlerin in seinem Wohnort. Sie waren sehr gut befreundet und sie wusste über alles bescheid. Er erzählte ihr von mir und sie hatte immer ein offenes Ohr für ihn. Sie war es manchmal, die ihn davon abhielt schlimme Dinge zutun, mir zu schaden und ähnliches. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar. Ich wusste wie sie hiess, Rainer erzählte mir viel von ihr. Sie war schon älter und eine wichtige Person in seinem Leben. Sie hat oft über mich geschimpft und versucht Rainer zu trösten. Aber ich hielt sie immer für eine faire Person. Sie war bis zum Schluss an Rainer's Seite, besuchte ihn regelmässig im Krankenhaus. Sie musste wissen was los war.

Dann bin ich im Internet auf die Suche nach ihr gegangen. Ich gab ihren Namen und den Wohnort ein und wurde tatsächlich fündig. Ich hatte zwar keine Garantie dass sie es wirklich war, doch ich war mir fast sicher. Dann bekam ich ihre Telefonnummer raus. Tagelang hielt ich diese Nummer in meinen Händen und starrte auf die Ziffern. Je länger ich darauf starrte, je nervöser wurde ich. Wieso konnte ich nicht einfach bei ihr anrufen und nachfragen? Nachfragen ob sie es wirklich ist? Ich wusste natürlich nicht ob sie mir, wenn sie es wirklich ist, überhaupt eine Auskunft geben würde. Ich fragte mich immer nur wie peinlich es wäre wenn sie mich zurück weist und mir nichts erzählt. Womöglich mich noch beschimpft oder einfach auflegt wenn sie meinen Namen hört.

Ich überlegte krampfhaft wie ich dieses Gespräch beginnen sollte. Mit welchen Worten ich fragen würde. Ich hatte Angst vor ihrer Reaktion. Was sollte ich nur sagen wenn sie ans Telefon geht? Ich wusste gar nicht wie ich anfangen sollte. Ich hatte Angst davor was sie mir sagen könnte. Und was, wenn sie es doch nicht ist? Dann würde ich wieder ganz am Anfang stehen und kein bisschen weiter gekommen sein. Nach ein paar Tagen endlich nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, versuchte meine Gedanken auszuschalten, nahm den Hörer in die Hand und wählte diese Nummer, bei jeder weiteren Zahl die ich eintippte wurde mir heisser. Ich schwitzte aus allen Poren und meine Hände zitterten. Es tutete ein paar mal, die Stille dazwischen war unerträglich. Ich versuchte nicht zu atmen und konzentrierte mich auf das was kommen mochte. Plötzlich nahm jemand ab und ein ja bitte flog direkt durch den Hörer in mein Ohr.

Ich wartete...

...ein paar Tage ab bis mir klar war dass Frank nicht auf meine Nachricht reagieren würde. Ich hatte es geahnt, wollte es dennoch nicht unversucht lassen. Ich ärgerte mich über Frank's Arroganz, redete mir ein dass er wahrscheinlich die Nachricht noch gar nicht gelesen hatte und das mich bestimmt ganz bald eine Antwort seinerseits erreichen würde. Dem war natürlich nicht so und ich bekam nie auch nur eine Zeile von ihm zurück. Ich verfluchte mich selbst, ich verfluchte dass ich so dämlich war zu glauben er könnte auf mich reagieren. Also gab ich diese Möglichkeit auf.

Mein nächster Gedanke war in der Klinik, in der Rainer zuletzt gelegen hatte, anzurufen. Doch das traute ich mich nicht. Ich hätte gar nicht gewusst wonach ich hätte fragen sollen. Ich war davon überzeugt dass mein Warten niemals ein Ende nimmt, dass meine Unwissenheit bestehen bleibt. Abfinden konnte ich mich mit dem Gedanken jedenfalls noch nicht. Womit hatte ich das verdient, nicht zu wissen was mit Rainer los war? Hatte ich überhaupt das Recht zu verlangen bescheid zu wissen? Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen dass er niemanden gesagt hat dass mir jemand bescheid geben soll wenn mit ihm etwas passiert. Oder hatte er das so gewollt um mich vor all dem zu verschonen?

Dann glaubte ich, dass er sein Handy extra ausgemacht hat, damit ich nicht mitbekomme wie schlecht es ihm ging. Oder aber er hatte sein Handy vor lauter Elend zu hause vergessen, denn er hatte schliesslich weitaus andere Probleme, als immer dafür zu sorgen dass er auf seinem Handy erreichbar war. Vielleicht war er gar nicht mehr in der Lage zu telefonieren? In dieser Zeit, in diesen Wochen in denen ich nicht wusste was los war, hatte Rainer Geburtstag. Ich wollte ihm an seinem Tag einen Karton schicken, in dem ich Dinge hinein packen wollte über die er sich gefreut hätte. Dieses Vorhaben hatte ich lange im Kopf, schon bevor er krank wurde. Aber da ich ihn nicht erreichen konnte, platzte die Idee und versank in meinem Kopf. Wozu sollte ich ihm etwas schicken, wenn ich nicht mal wusste ob es überhaupt bei ihm ankommt?!